Glück bemerken – Rückblick auf die Yoga-Klasse vom 19.10.2026
Wie die Stunde gegliedert war
Die Bausteine meiner Klassen kennen viele schon: Meditation, Warm-Up, Asana-Praxis und Shavasana (Endentspannung). Diesmal habe ich sie so gefüllt:
- Meditation: Ankommen in einem aufrechten Sitz, eine erste kurze Reise von außen nach innen und Nadi Shodhana (Wechselatmung) mit einem bewussten Innehalten nach dem Einatmen.
- Warm-Up: Siddhasana (vollkommener Sitz) mit Seitbeugen und Drehungen, Balasana (Kindhaltung), Chakravakasana (Katze-Kuh), Dandayamana Bharmanasana (Vierfüßler mit gestrecktem Arm und Bein), Adho Mukha Dandasana (schiefe Ebene), Adho Mukha Svanasana (herabschauender Hund), Alanasana (hoher Ausfallschritt) und Tadasana (Berghaltung).
- Asanas: Navasana (Boot) und Salabhasana (Heuschrecke) für Kraft und Atem, danach Drehungen und Gleichgewicht mit Anjaneyasana (tiefer Ausfallschritt), Parivrtta Utkatasana (gedrehte Stuhlhaltung), Virabhadrasana 3 (Krieger 3), Vasisthasana (Seitstütz) und Urdhva Prasarita Eka Padasana (stehender Spagat). Den Höhepunkt bildeten Ardha Chandrasana (Halbmond) und Parivrtta Ardha Chandrasana (gedrehter Halbmond).
- Ausklang: Malasana (Girlande), Utthan Pristhasana (Eidechse), Eka Pada Rajakapotasana (Taube), zwei Partnerübungen sowie Ananda Balasana (glückliches Baby) und Jathara Parivartanasana (liegende Drehung) vor dem Shavasana (Endentspannung).
Diese vier Bausteine bleiben von Woche zu Woche dieselben, die Asanas darin wähle ich jedes Mal passend zum Thema neu. Gerade dieses Thema macht jede Stunde unverwechselbar – und diesmal war es ein ganz leises.
Glück wird nicht hergestellt, sondern bemerkt
Im Tantra gilt Ananda als eines der Merkmale des Absoluten: Ananda-Shakti, die Kraft der in sich ruhenden Freude. Das Bemerkenswerte daran: Diese Freude ist bereits in uns. Wir müssen sie weder verdienen noch erarbeiten. Was es braucht, ist Aufmerksamkeit. Chit (Bewusstsein) öffnet die Tür zu Ananda – und Achtsamkeit ist der Weg dorthin.
Barfuß über die Wiese
Vor einigen Wochen war ich auf einem Yoga-Retreat. Jeden Morgen übten wir zwei Stunden, und an einem dieser Tage begannen wir mit einer Gehmeditation, barfuß. Zuerst erkundeten wir den Boden im Raum, dann gingen wir hinaus. Es war noch frisch, die Wiese nass, über dem See lag Nebel.
Unter den Füßen wechselten Untergrund, Temperatur und Feuchtigkeit. Mein Atem wurde ganz von selbst langsamer. Ich bemerkte meine Gedanken und eine besondere Stimmung, die in mir aufstieg. Und dann war da ein Gefühl von Frieden, einfach in diesem Moment da zu sein – und Freude. Ich hatte sie nicht gesucht. Sie war einfach da, und ich habe sie bemerkt.
Fünf Hüllen, ein Weg nach innen
Was ich auf dieser Wiese erlebt habe, beschreibt die Yoga-Tradition mit dem Bild der Koshas (Hüllen). Wie Schichten liegen sie um unseren innersten Kern, von grob nach fein:
- Annamaya Kosha (Körper): die Füße, die Gras, Kälte und Nässe gespürt haben.
- Pranamaya Kosha (Atem): der Atem, der mit jedem Schritt ruhiger wurde.
- Manomaya Kosha (Gedanken und Gefühle): die Gedanken und die Stimmung, die ich in mir bemerkt habe.
- Vijnanamaya Kosha (Weisheit): das Erkennen, dass ich all das beobachten kann – und dass darin Klarheit liegt.
- Anandamaya Kosha (Glückseligkeitskörper): die Freude, die schon da war, bevor ich sie bemerkt habe.
Diesen Weg sind wir in der Stunde zweimal gegangen: einmal kurz in der Meditation und dann langsamer durch die ganze Praxis. Jeder Hülle war eine Herzqualität und ein Teil der Klasse zugeordnet:
- Annamaya Kosha (Körper): Achtsamkeit, Warm-Up
- Pranamaya Kosha (Atem): Lebendigkeit, Vorbereitende Asanas
- Manomaya Kosha (Gedanken und Gefühle): Gelassenheit, Vorbereitende Asanas
- Vijnanamaya Kosha (Weisheit): Klarheit, Peak Pose
- Anandamaya Kosha (Glückseligkeitskörper): Freude und Stille, Shavasana
Warum wir aufrecht sitzen
Schon die Meditation begann mit einer einfachen Frage: Warum eigentlich aufrecht? In der Bhagavad Gita beschreibt Krishna, wie sich der Yogi zur Meditation setzt:
„Körper, Kopf und Nacken aufrecht und unbewegt, still und gefestigt."
(Bhagavad Gita 6.13)
Die Aufrichtung ist kein Selbstzweck. Sie verbindet Wachheit und Ruhe. Sinken wir in uns zusammen, wird der Geist träge. Spannen wir uns an, wird er unruhig. In der aufrechten Haltung ist beides möglich: wach und gelöst zugleich. Genau das ist Achtsamkeit – und der erste Schritt nach innen.
Satchitananda: Bewusstsein und Freude Seite an Seite
Vor der Asana-Praxis haben wir gemeinsam das Anusara-Mantra gesungen. In seiner zweiten Zeile steht Satchitananda: Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Chit und Ananda stehen dort direkt nebeneinander – wo wir bewusst sind, ist die Freude nicht weit. Und Murtaye bedeutet, dass diese Essenz Gestalt annimmt, auch in uns, bis hinein in die Fußsohlen. Was wir besingen, ist also schon da.
Sammeln und ausstrahlen: Muskuläre und Organische Energie
Von den UPAs (Universal Principles of Alignment) standen in dieser Stunde zwei im Mittelpunkt, verstanden als Spanda, als pulsierendes Wechselspiel:
- Muskuläre Energie verstärkt die Achtsamkeit. Die Aufmerksamkeit sammelt sich von der Peripherie zum Fokuspunkt, so wie der Weg durch die Koshas nach innen führt. Die Muskeln umarmen die Knochen, die Beine ziehen zur Mittellinie: kraftvoll, verwurzelt, präsent, klar.
- Organische Energie breitet das Glück aus. Vom Fokuspunkt strahlt die Energie zur Peripherie, so wie Ananda aus der innersten Hülle nach außen leuchtet: weit, belebend, frei, zufrieden.
Kurz gesagt: erst nach innen finden, dann von innen ausstrahlen.
Die beiden Herzqualitäten im Zentrum der Stunde folgten genau diesem Pulsieren:
- Achtsamkeit: Spüren, wo der Körper den Boden berührt, wo das Gewicht liegt, was der Atem gerade tut
- Freude: Aus einem stabilen Zentrum heraus weit werden und bemerken, was in diesem Moment schon da ist
Eine dritte Qualität begleitete die ganze Stunde: Nicht-Anhaften. Glück, das bemerkt wird, muss nicht festgehalten werden. Es darf kommen und gehen.
Auf der Matte: die Hüllen durchwandern
Immer wieder kehrte in den Anleitungen das Bild der Wiese zurück. In Adho Mukha Svanasana (herabschauender Hund), in Tadasana (Berghaltung) und auf dem Standbein von Virabhadrasana 3 (Krieger 3) habe ich eingeladen, den Untergrund so zu spüren wie bei der Barfuß-Meditation: Wie fühlt er sich an? Wo liegt das Gewicht?
Im Warm-Up ging es um den Körper und um Achtsamkeit. Von Siddhasana (vollkommener Sitz) bis Tadasana (Berghaltung) stand die Frage im Vordergrund, wo der Körper Kontakt zum Boden hat. In Chakravakasana (Katze-Kuh) wanderte die Bewegung Wirbel für Wirbel vom Steißbein bis zum Kopf.
Mit Navasana (Boot) und Salabhasana (Heuschrecke) rückte der Atem in den Vordergrund: Er fließt weiter, auch wenn es anstrengend wird, und bringt Lebendigkeit in die Haltung.
Die Drehungen und Gleichgewichtshaltungen danach galten der Hülle der Gedanken und Gefühle. In Anjaneyasana (tiefer Ausfallschritt) mit Drehung, Parivrtta Utkatasana (gedrehte Stuhlhaltung) und Virabhadrasana 3 (Krieger 3) ging es um Gelassenheit: drehen und balancieren, ohne festzuhalten. In Urdhva Prasarita Eka Padasana (stehender Spagat) durfte der Kopf sinken und der Nacken weich werden.
Der Halbmond als Spiegel
Für die Peak Pose habe ich ein Bild mitgebracht: Der Mond leuchtet nicht aus sich selbst, er spiegelt das Licht der Sonne. So spiegelt die Weisheitshülle, Vijnanamaya Kosha, das Licht unseres innersten Wesens. Ihre Herzqualität ist Klarheit, ungeteilte Aufmerksamkeit im Gleichgewicht.
Auf jeder Seite führte die Abfolge von Virabhadrasana 3 (Krieger 3) über Ardha Chandrasana (Halbmond) in Parivrtta Ardha Chandrasana (gedrehter Halbmond) und schließlich in Uttanasana (stehende Vorbeuge).
In Ardha Chandrasana (Halbmond) verwurzelt sich der Standfuß mit Großzehenballen, Kleinzehenballen und Ferse – wie auf der Wiese. Die Muskuläre Energie sammelt die Kraft im Becken. Von dort strahlt die Organische Energie in fünf Richtungen aus wie ein Stern: durch das Standbein, das gehobene Bein, beide Arme und den Scheitel. Das Herz dreht sich zur Decke.
In Parivrtta Ardha Chandrasana (gedrehter Halbmond) bleibt das Fundament dasselbe, doch das Becken zeigt nun zum Boden. Erst kommt die Länge, die Ferse schiebt nach hinten und der Scheitel nach vorne. Dann dreht sich das Herz aus der Mitte heraus zur Seite des Standbeins. Klarheit heißt hier: in der Drehung ruhig bleiben, während der Atem weiterfließt.
Loslassen und ankommen
Im Ausklang ging es um Nicht-Anhaften. Malasana (Girlande), Utthan Pristhasana (Eidechse) und Eka Pada Rajakapotasana (Taube) öffneten die Hüften. Danach folgten zwei Partnerübungen: Rücken an Rücken in Siddhasana (vollkommener Sitz), wobei wir den Atem des anderen im eigenen Rücken spürten, und Upavistha Konasana (gegrätschte Vorbeuge im Sitz), bei der die beiden Partner sich an den Händen abwechselnd in die Grätsche zogen.
In Ananda Balasana (glückliches Baby) trägt die Haltung das Thema schon im Namen: sanft von Seite zu Seite schaukeln, mit der Freude eines Kindes, das einfach da ist. In Jathara Parivartanasana (liegende Drehung) gab es dann nichts mehr zu tun und nichts festzuhalten – die Drehung geschah von selbst.
Im Shavasana (Endentspannung) sind wir schließlich in der innersten Hülle angekommen. Noch einmal führte der Weg von außen nach innen: Der Körper wurde schwer und vom Boden getragen, der Atem floss von selbst, Gedanken kamen und gingen wie Nebel über dem See. Darunter lag Stille – und vielleicht eine leise Freude, die einfach da war.
Was bleibt
Hülle um Hülle sind wir in dieser Stunde von außen nach innen gegangen. Dabei hat sich gezeigt, dass wir Glück nicht herstellen müssen. Es ist schon da, und wir dürfen es bemerken.
Eine Frage habe ich allen mit nach Hause gegeben:
- Wo könntest du in den nächsten Tagen einmal ganz bewusst hinspüren, wie mit nackten Füßen im Gras, und bemerken, welche Freude dort schon da ist?
Möge das Licht in meinem Herzen dem Licht in deinem Herzen begegnen.
Namaste.